An meine Mutter

Ich habe Dich immer geliebt.

Wenn Du mich so angesehen hast, voller Abscheu,
habe ich Dich geliebt.
Und mich abscheulich gefunden.

Wenn Du mich angeschrien hast mit vor Hass verzerrtem Gesicht,
habe ich Dich geliebt.
Und mich gehasst dafür, dass ich Dich nicht verstanden habe.

Ich fand Dich immer wunderschön.

Jeder Blick von Dir - der Blick einer schönen Frau
auf ein häßliches Ekel, das ich war.
Jedes Wort - ein Wort aus dem Mund einer schönen Frau.
An ein Wesen, das Deine Beachtung nicht wert ist.

Ich habe Dich immer geliebt.

Wie Du gesungen hast
und mir dann sagtest wie gern Du mich lieben würdest.

Ich habe Dich immer geliebt.

Wenn Du auf mich eingeprügelt hast, blind vor Hass,
habe ich Dich geliebt.
Und mich angestrengt, mich nicht zu bewegen,
um mich Dir nicht zu entziehen.

Wenn Du meine Schwester geküßt hast,
habe ich Dich geliebt.

Wenn Du mich eine Hure genannt hast,
weil Dein Vater nach mir griff,
habe ich Dich geliebt.
Und war stolz, daß Du mich für so mächtig gehalten hast.

Als man mir sagte, Du seist bösartig zu mir gewesen,
habe ich Dich geliebt.
Ich habe geweint und habe Dich wütend verteidigt.

Ich wollte mich bei Dir entschuldigen,
konnte aber nie ausreichende Worte finden,
für das, was ich Dir angetan habe.

Niemand wird jemals begreifen wie sehr ich Dich liebe.
Ich weiß, ich habe Dich nicht verdient.
Ich habe das Leben nicht verdient.
Aber ich habe Dich immer geliebt.

Deine Laura
(Herbst 2010)

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31.7.11

In diesem Jahr beschäftigt mich das irgendwie besonders, so weit hinten, weit unten, aber es schwemmt sich immer wieder in mein Bewusstsein: heute hat meine Mutter Geburtstag. Nachdem wir gestern den ganzen Tag ziemlich schräg waren und erst nachts so halbwegs ins Bewusstsein zurückfanden (nach SV), kam mir dann so ganz langsam, dass es vielleicht doch (auch) was damit zu tun haben könnte. Also gebe ich dem jetzt Raum.

Ich weiß nicht, ob es wirklich auch mit mir was macht oder hauptsächlich mit Laura. Die SV-Art lässt auf Laura schließen und es geht ihr auch echt nicht so gut. Vielleicht schreibt sie ja irgendwann selbst was. Kann sein, dass es nicht bemerkt wird und sie sich schon dazwischenmischt. Aber ich versuche mal, das zu trennen.

Ich fühle, wenn ich daran denke, nichts. Ich habe keinen Bezug dazu. Sie hat Geburtstag. Ja und? Sie hat mit meinem Leben nichts zu tun. Ich habe nichtmal eine genaue Erinnerung an sie. Liegt wohl daran, dass ich erst später "entstanden" bin. Ich weiß aber, dass sie zu meiner Geschichte gehört. Ich meine - sie ist meine Mutter, so ist das eben. Was ich inzwischen verstanden habe, ist, dass sie eine ungeheure Macht über mich und mein Leben hatte und über "Teile" von mir immernoch hat. Ich kann relativ real fühlen, dass "mir" oder uns durch sie 17 Jahre lang nichts als Gewalt und Psychoterror "vergönnt" war.

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1.8.11

Der Tag ist rum und damit auch die Nähe zu dem Gefühl. Laura fühlt sich schuldig, wenn sie "uns Zeit stiehlt", weil sie da ein Thema hat. Ich fänd es schon gut, es mal zu bedenken, weil ich gar nicht so richtig weiß, was es wirklich mit mir macht, dass sie so an ihr hängt und was genau eigentlich "wirklich" mein eigenes Gefühl dazu ist.

Wo war ich...
"Ich kann relativ real fühlen, dass "mir" oder uns durch sie 17 Jahre lang nichts als Gewalt und Psychoterror "vergönnt" war."
Ja, das kann ich, aber es belastet mich überhaupt nicht. Es "macht" nichts mit mir. Ich habe keine Flashbacks zB.

Ich weiß um meine Geschichte, aber ich muss nicht darüber reden. Wirkt jetzt nicht so, weil ich es ja zum Thema mache - aber so ist das. Mir ist bewusst, dass andere in mir das vielleicht brauchen, jedenfalls deuten bestimmte Dinge darauf hin. Das Gedicht von Laura zeigt eine "Einsicht" bei ihr, die sie nur in ganz kurzen Momenten mal hatte, wenn sich jemand intensiv mit ihr beschäftigt hat, wie damals in der Klinik, als sie fest davon überzeugt war, dass die Klinik dazu da war, uns "die Flausen" auszutreiben und wir danach wieder nach Hause müssten. Das war 12 Jahre nach der Flucht von der Mutter. Klar, dass das dann ein Thema wurde.

Jetzt eben diese SV-Sache. Ich hab mich wirklich durchforscht, ob ich Druck hatte, ob jemand was aus der Therapie übrig hatte, ob es Bestrafung war oder sonstwas, das gibt es auch alles, aber nicht so unwidersprochen, dass die SV passiert wäre. Es war was anderes und inzwischen bin ich sicher, dass es Laura war und dass es mit dem Geburtstag zu tun hatte.
Nur kann ich es heute schlecht "laufen lassen" in der PT, weil wir eigentlich noch 2 andere Sachen intensiv angefangen hatten, zwischen denen es schon schwer genug sein wird, eine Entscheidung zu treffen, wo wir weitermachen. Also muss ich es eigentlich allein machen, aber ehrlich gesagt krieg ich davor ganz ordentlich Schiss. Das fühlt sich an als ob ich auf einem Fass sitze, bei dem sich, wenn ich nicht aufpass, der Deckel öffnet und dann fliegt mir alles um die Ohren.
Also evtl. müssen wir halt dann heute doch eine Laura-Stunde einschieben.
Zurück zu mir.
Meine Mutter ist gestern 49 Jahre alt geworden und ich finde das so jung... Für mich ist das Gefühl dazu so als wäre die Zeit stehengeblieben. Ich denk mir: wieso kann das denn nicht schneller gehen, sie schon 60 oder 70 sein oder sowas. Das würde sich richtiger anfühlen.
Ist das, weil ich mir älter vorkomm als ich bin? Aber eigentlich fühl ich mich genau wie 30. Oder ist es, weil 49 so nah klingt? Weil sie MIR damit immer näher kommt, so vom Gefühl her? Es ist ja schon so, dass je älter man wird, umso gefühlt geringer wird der Abstand zwischen den "Älteren" und einer selbst. Das kenn doch sicher nicht nur ich so. Ich mein - früher fand ich, wenn jemand 8 Jahre älter war, das unfassbar viel Zeit. Also ich 18 - jemand anders 26. Oder ich 28 - jemand anders 36. Viel Zeit. Viel Alter dazwischen... Aber so seit einem Jahr hab ich das Gefühl, dass mein "Respekt" schrumpft. Also so das Gefühl, dass die Älteren "größer" und "mächtiger" und "schlauer" und "richtiger" und "erwachsener" sind als ich.
Hat es vielleicht was damit zu tun, dass ich dann logischerweise meine Mutter auch nicht mehr so viel mächtiger finde?

 

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Ja und dann, auf der anderen Seite, seh ich ganz rational, wie meine Mutter sich entwickelt hat. Also was ich über ihre Kindheit weiß, wobei ich da nur wenig weiß, aber ich kenn ja meine Großeltern und die Familie und das reicht mir und für mehr Interesse an meiner Mutter reicht es dann auch einfach nicht. Ich weiß, was ihr widerfahren ist, jedenfalls die Überschriften. Ich habe gesehen, wie sie sich entscheidet, ihr Leben zu leben und Kinder zu erziehen und mit ihrem Leben umzugehen bzw. mit dem was sie bekommt und was sie daraus macht.

Ich finde es ist eine traurige, bedauernswerte Existenz. Aber ich habe kein Mitleid. Sie hat erwachsen werden müssen genau wie wir alle und hätte mehr als einmal die Wahl gehabt. Ich glaube, wir haben immer eine Wahl - nur manchmal nicht die Kraft sie zu treffen - aber auch dann haben wir die Wahl, uns fürs Aufgeben zu entscheiden, fürs Liegenbleiben oder dafür, nach etwas anderem und Hilfe zu suchen, vor allem wenn man die Verantwortung für Kinder hat. Sie hätte viele Möglichkeiten gehabt, jeden Tag wieder. Aber sie hat sich nicht nur die 17 Jahre, die ich bei ihr war, sondern auch in den Jahren danach bis heute, dafür entschieden, zu glauben, dass sie das Opfer ihres Kindes - also mir - ist und das sozusagen der Gipfel ist, "nach allem was" sie für mich "getan" hat und nach allem, was sie durchmachen musste schon etc pp. Hauptsache, es sind immer die anderen schuld.

Ich habe mich entschieden, sie nie mehr in meinem Leben haben zu wollen - in der Gegenwart, in natura sozusagen. Und wenn sie mir sonstwie inszenieren würde, dass sie sich entschuldigen, alles erklären und "wiedergutmachen" will (was wir ja schon alle ein bißchen ersehnen, wenn uns die Tränen kommen oder so ein schnippisches "Pfffffffffff", wenn man im TV über diese Schnulzensendungen stolpert, wo sie sich dann nach 30 Jahren finden und lieben und alles ist toll...), dann würde ich mich umdrehen und gehen. Ich will es nicht wissen, ich will es nicht sehen, sie hat sich entschieden als es wichtig war, jeden Tag wieder, mit jedem Blick, jedem Schlag, jedem Tritt, jedem Ding, das sie getan hat, um all ihren Selbsthass auf mich abzuladen.

Und selbst WENN ich ein verabscheuungswürdiges Individuum schon als Kind gewesen sein sollte - ich schließe das ja nicht aus, dann wäre es ihre Pflicht als Mutter gewesen, sich Hilfe zu holen.
Jetzt kippt was innen in Introjekte, ich mach hier mal nen Punkt. Ich bin Hebamme und nicht doof, ich weiß um die Zusammenhänge und ich war nicht verabscheuungswürdig. Ich war nur zur falschen Zeit am falschen Ort bereit in die Welt zu kommen.

Pause.

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Es gibt noch was anderes, was mir klar wird gerade.

Ich weiß von so vielen anderen Geschichten und sehe das auch manchmal durch die Arbeit, wie viele Menschen grausame Mütter hatten und haben. Ich lese eigentlich nie solche Geschichten, ich weiß nicht warum - zT denk ich aus Selbstschutz (Trigger?), zT auch weil ich mich nicht drauf einlassen möchte, weil ich dann so eine Wut ohne Ort bekomme und die fühlt sich nicht gut an bzw. führt zu nichts. Und deswegen, weil ich weiß wieviele es gibt und wie schlimm es sein kann, was Menschen erleben mussten jeden Tag, jede Nacht über viele Jahre hinweg durch ihre Mütter, deswegen ist das für mich irgendwie unwichtig geworden. Ich meine - es weiß doch jeder, wie es sein kann. Da es so oft vorkommt und "man hört auch soviel", da brauche ich nicht darüber zu reden. Wozu denn? Es würde nichts ändern und mich einreihen in die Masse derer, die "eine schlechte Kindheit" hatten, das kann ich auch ohne das.

Es ist kein Abblocken, eher sowas wie ein Hinnehmen: So war das. Das ist meine Geschichte. Das bin ich. Aber ich muss nichts aufwühlen - weder in mir noch in anderen - es würde nichts ändern und es ist alles andere als ein "besonderes Einzelschicksal". Es braucht keine Erklärungen mehr. Keine Analyse. Kein genaues Hinschauen. Außer in der PT für bestimmte Dinge, um was im Heute für MICH zu lösen, aber es bleibt bei mir, da gehört es ja auch hin.


Seit Jahren reift der Gedanke an ein Buch. Es wurde angefangen, verändert, weitergeschrieben, der Titel ist schon klar - und jetzt, heute, ist das so unwichtig geworden. Nur manchmal denke ich daran, dass es dann "abgeschlossen" wäre. Einmal alles gesagt und in die Welt gegeben, aber mehr damit die Familie entblößt wird, das Schweigen gebrochen, ihre Heiligkeit entthront... keine Rache, nur das Bedürfnis, irgendwie "Gerechtigkeit" herzustellen, indem ich meine Geschichte richtigstelle und meine Familie für immer wissen soll, dass ich nicht mitmache, bei ihrem Pakt. Dass ich mich öffentlich neben sie stelle und da raustrete und sage: schaut, was sie getan haben und was sie immernoch tun, indem sie schweigen und mich brandmarken und mir diese ganze Schuld und Scham auferlegen, die sie verursacht haben.

2.8.11 12:53

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