ausm Tagebuch kopiert...

 

Hm... ich weiß noch nicht so genau wie die Überschrift sein soll... ich mach mir grad so Gedanken. Und dachte ich mach sie mal so, dass ich sie wiederfinde und sie nicht in den dunklen Windungen meines Seins wieder dahinschwinden.

Durch meinen Beruf habe ich das Glück, neues Leben ganz am Anfang beim Werden begleiten zu dürfen. Also so weit man eben einen "Anfang" finden kann im Heute. Dass ich da so nah dran bin, macht natürlich auch was mit mir und hat Gründe, warum gerade diese Arbeit so wichtig und wesentlich für mich ist. Und heilsam auch.
Was mich gerade immer wieder mal leise oder auch lauter beschäftigt ist diese Persönlichkeits-Sache. ^^ Also wie das denn eigentlich "gedacht" ist - was ist "normal", wenn es sich so entwickeln darf, wie es "gesund" ist.
Mal abgesehen davon, dass es da gar keine richtige Norm geben kann, weil das alles schrecklich komplex und immer ganz individuell komplex vor allem ist, muss es ja sowas geben wie... hm... sagen wir mal "das Optimalste, was die Natur, die Schöpfung oder an was auch immer man glauben mag, sich so gedacht hat".

Ich kam immer wieder vorbei an der "Kern"frage. Also so die Idee, dass jeder Mensch einen gesunden "Kern" hätte. Eine "Kern"persönlichkeit, wo alles noch heil und ganz und unzerstörbar ist. Das hat mich eine Weile mächtig beschäftigt und in der Klinik habe ich drei oder vier Tage durchgeheult, weil ich plötzlich ganz tief drin wusste, ich hab sowas nicht. Ich konnte das nichtmal formulieren. Ich konnte nur sagen, ich suche und suche, aber ich glaube ich sollte aufhören, weil da ist es nur schmutzig und dunkel und das ist so schrecklich, was soll ich denn machen, wenn das wahr ist?!
Niemand hat mich so recht ernstgenommen, sondern es wurde mir sehr liebevoll immer wieder gesagt, dass es noch tiefer drin wär und doch doch, das hätte Jede/r und dass sie aber alle dran glauben, sonst wäre ich doch nicht so weit gekommen... etc.
Ja - das Problem ist nur - "ich" bin noch gar nicht weit gekommen. "Ich" bin erst seit ein paar Jahren in diesem Körper. Ich lebe, aber ich "bin" nicht. Ich habe keinen Halt in mir und kann auch niemanden in mir halten. Und das ist es, was für mich/uns die "ewige Suche" vielleicht ausmacht, oder? Die Suche nach Halt. Aber darauf komme ich nochmal. Wenn wir jedenfalls in der Verbindung all dessen, was in diesem Körper wohnt, nach einem gesunden Kern suchen, also dann werden wir richtig, richtig schwer depressiv. Das hat keinen Sinn. Wir mussten uns mühsam davon lösen, uns damit zu beschäftigen, dass alle anderen da was zu wissen glauben, von dem wir tief, tief drinnen wissen, das haben wir nicht, das gibt es hier nicht.

Dann habe ich/ haben wir uns so entlang gehangelt, dass wir uns gedacht haben - hm - vielleicht gab es diesen Kern mal gaaaanz am Anfang, so irgendwie "Zeugung ergibt Kern" und dass der sofort zersplittert ist. Aber das ist uns viel zu abstrakt analytisch als dass wir uns damit weiter beschäftigen mögen. Und soweit wir es mitbekommen haben bisher, würden wir da wohl auch wirklich in verworrenen präpartal-psychoanalytischen Gewässern verstrudeln. Und glauben wir an präpartale Persönlichkeitsspaltungen? Glauben wir an präpartale Persönlichkeit? Wuha, bloß nicht da einsteigen, das wird weiiiites Feld.

Jetzt sind wir im Heute beim Thema Halt angekommen. Losgetreten durch die Erkenntnis, dass wir niemals "jemand" waren. Nichts Eigenes jedenfalls. Immer nur so Einzelteile, die haltlos unverbunden durchs Universum fliegen und suchen, suchen, suchen. Und wenn sie was finden, wo es sich gut anfühlt, dann lassen sie sich dort niede. Und wenn es sich auch für andere Einzelteile gut anfühlt, dann sammeln sie sich irgendwie so drum herum oder weiter weg oder daneben oder irgendwie in der Nähe und bauen da eine Struktur, die aber gar nicht weiß, dass sie nur eine künstliche ist und dass sie auch nur ein Teil von etwas ist, das nirgendwo ein Zentrum hat.
So entstehen so künstliche Zentren, die um etwas oder jemanden herum gebaut sind. Wenn diese Anker, diese fremden HaltgeberInnen, aber anfangen sich zu bewegen oder was davon bemerken, dass diese künstliche Struktur nur ein Teil von etwas total Zerfleddertem ist und nach dem Zentrum zu suchen anfangen oder gern das imaginierte Zentrum als Ganzes in Anspruch nehmen möchten, oder wenn diese HaltgeberInnen wegfallen, dann fangen die Probleme an.
Denn was nach außen sichtbar ist, ist eine Person. Ein Körper, der Alltag darstellt und der von allen im Außen gleich gesehen, aber jeweils komplett anders gekannt wird - als jeweils eigene, immer andere künstliche Struktur eben, die in sich versucht, stabil zu bleiben, denn sie hat nichts, woran sie sich halten kann, wenn der äußere Halt, um den sie sich aufgebaut hat, sie von sich trennt und anschauen will oder will, dass sie ein eigenes Ich zeigt.

Mhm... ich dachte mir schon, dass ich mich verrenne und mir wahrscheinlich eh niemand mehr folgen kann...

Mal zurück zu meinem Anfang.
Ich erlebe durch meine Arbeit, dass es in jeder Schwangerschaft ("normalerweise" einen Punkt gibt, manchmal auch nur kurz und vorübergehend, im Idealfall aber als Entstehungspunkt, an dem in der Frau, die das Kind trägt, Raum entsteht. Raum, in dem das Kind ist. Raum, in dem Persönlichkeit sein darf und anfangen darf zu wachsen. Und im Idealfall bleibt dieser Raum, natürlich beeinflusst durch das Leben an sich, aber er bleibt - die Mutter gibt den Halt - und später auch der Vater, wenn es gut läuft - den Halt, in dem der Raum ist, in dem Persönlichkeit wachsen kann.
Das wichtigste für das Entstehen und Wachsenkönnen ist der Raum. Der da ist. Einfach so. Ohne dass das Kind dafür etwas tun muss oder etwas sein muss. Der Raum ist da. Und um den Raum herum ist Halt. Der auch einfach da ist. Und zwar bedingungslos. Das ist eben so. Solange es das braucht. In diesem Schutz entwickelt sich Persönlichkeit und wird Stehen gelernt. Das dauert, gibt Straucheln und Gehaltensein, Fallen und Aufgefangenwerden. Immer wieder. Bis es von alleine geht. Bis der eigene Stand fest genug ist - motorisch wie mental meint.

Wenn aber Persönlichkeit nicht wachsen kann, weil der Raum nicht da ist. Oder wenn der Raum keine Grenzen hat. Oder wenn der Halt Bedingungen hat... wie soll dann das Stehen gelernt werden, so dass es sicher ist und bleibt, aber auch Raum geben kann für Andere später, was es ja braucht für ein "gutes Leben", für ein eigenständiges Sein.
Dann bleibt die Suche, oder. Immer.
Und vielleicht wird die Suche beantwortet, teilweise, in Begegnungen, heilsamen Beziehungen...
Was aber wenn die Suche beantwortet wird mit Raum, in dem Halt an Bedingungen geknüpft ist. Wenn in dem Raum das Kind nur sein darf, damit es benutzt werden kann. Das Kind, die Persönlichkeit, die wachsen will, dockt an, natürlich, denn da ist Halt, da wird ein Raum angeboten, eine Tür aufgemacht und gezeigt: komm her, hier darfst Du sein. Nur dass es eben nicht um eigenes Wachsen geht, sondern darum, dass es so wächst, wie die Anderen es haben wollen - entlang an einem Halt, der ausnutzt, sich selbst nur dienen soll, schlägt, tritt, quält, sich an dem Kind vergeht.
Und was, wenn das immer wieder passiert. In immer anderen Beziehungen. Wenn die Mutter keinen Halt geben kann, weil sie selber keinen hat. Wenn sie keinen Raum geben will, weil sie das Kind nur hassen kann, weil es ihr Raum "nimmt", wo sie doch selbst nie welchen hatte. Wenn der Vater das Kind braucht, um sich zu schmücken. Wenn der Stiefvater das Kind nur sieht, um es zu benutzen. Wenn immer wieder Menschen dem Kind Halt anbieten und immer wieder diese Menschen das Kind benutzen. Das Kind weiß nicht, dass das alles keine Räume sind, in denen es wachsen darf. Es wächst einfach. Hier so - dort anders - beim nächsten wieder anders. Immer schlägt es Wurzeln, immer sucht es Halt... und findet ihn auch... irgendwie dort.

Nur nie so, dass es sicheren Halt finden kann, sicher genug, um Wurzeln für etwas Eigenes in sich wachsen lassen zu können, dass es sich und das, was ihm widerfährt, zu einem Ganzen zusammenfügen könnte, das Sinn ergibt und Leben möglich macht.

Also woher nehmen... wenn dreißig Jahre vergangen sind. Dreißig Jahre Suche. Dreißig Jahre immer wieder der Glaube, so, jetzt, hier, ich. Und immer wieder die Erkenntis: ich? Was ist ich? Da sind noch andere... die sind woanders ein "Ich". Mit anderen Menschen verbündet. Mit anderen Ideen verwachsen. Mit anderen Träumen verbunden. Mit anderem Halt verwurzelt. Aber keine/r sicher in sich selbst. Keine/r, der oder die "der Anfang" ist oder "der Kern" oder "das Ursprüngliche" oder "die Persönlichkeit".

Da stehe ich, ich armer Tor - ein Ich im Wir - und wer geht vor?

 

3.12.11 12:16

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